Strahlenbelastung der Bevölkerung in der Region Aktau, Kaspisches Meer


Rückblick [ zurück zum Seitenanfang]
Die Situation der Bevölkerung der Provinz Mangystau (westl. Kasachstan) am Kaspischen Meer, eine Region mit ursprünglich extrem geringer Besiedlungsdichte, änderte sich in den 60er Jahren des 20. Jahrhundert dramatisch. Der Beginn der Exploration nach Uranerz, Erdöl und anderer Rohstoffe sowie der Aufbau eines großen metallurgischen Industriekomplexes in der Region Aktau  (siehe Karte von Kasachstan) führte zu einem starken Anstieg der Bevölkerungszahlen durch Zuwanderung, in einem ansonsten wegen der klimatischen Bedingungen sehr dünn besiedelten Gebiet.
So ist das Klima in Westkasachstan kontinental geprägt mit relativ kalten Wintern und heißen Sommern. Der jährliche Niederschlag beträgt dort nur ca. 150 mm.
1973 ging auch der erste weltweit in industrielle Maßstab arbeitende schneller Brüter in Aktau in Betrieb. Der als "BN-350" bezeichnete Reaktor diente der Produktion von Plutonium. Die erzeugte Energie wurde auch zur Entsalzung von Meerwasser eingesetzt.
Die Produktion von Uran bzw. Plutonium für Atomkraftwerke und das Atomwaffenprogramm der Sowjetunion hatten bis zu Beginn der 90er Jahre oberste Priorität.
Die geordnete Entsorgung der entstandenen Abfälle und die Behandlung von Industrieabwässern wurden jedoch ebenso vernachlässigt wie der Schutz der Menschen vor den Folgen der bergbaulichen und industriellen Aktivitäten. Radionuklide und anderen Rückstände aus der Uranerzaufbereitung führten zu einer hohen Gesundheitsbelastung, die sich nach der Stilllegung des Uranbergbaus und der zugehörigen Aufbereitung (1994) wegen der Schließung der Betriebe zum Teil noch verschärft hat.

Abbildung 1: Satellitenaufnahme der Region um Aktau, Kasachstan, im August 2005

Der Koshkar-Ata See [ zurück zum Seitenanfang]
Der Koshkar-Ata See, ein großer Absetzsee für Abwässer, gilt als eine der gefährlichsten Hinterlassenschaften aus der Hochzeit der Uranerzaufbereitung in Kasachstan. Er trägt heute zur Belastung der Atmosphäre und der Bevölkerung mit radioaktiven und toxischen Stäuben bei.
Der See befindet sich ca. 5 km nördlich von Aktau, einer industriell geprägten Großstadt am Kaspischen Meer. Der See erstreckte sich ursprünglich über eine Fläche von ca. 65 km², wovon heute schon mehr als 11 km² trocken liegen.
Seit 1965 wurde der Koshkar-Ata See, eine abflusslose Senke, als Absetzsee für Abwässer aus der Uranerzaufbereitung und andere Industrien (z.B. Düngemittelherstellung) sowie für ungereinigte Haushaltsabwässer genutzt. Zusätzlich wurde fester Abfall aus der Uranerzaufbereitung ungeordnet im Bereich des Sees vergraben bzw. versenkt.
Nach Unterlagen der Umweltbehörde der Provinz (Mangystau Provincial Ecology Department) in Aktau, beträgt die geschätzte Gesamtmasse an radioaktivem Abfall 50 Mio. t mit einer Gesamtaktivität von 11000 Ci. Hinzukommen Industrieabfälle in gleicher Größenordnung.

Abbildung 2: Trockenliegende Bereiche des Koshkar-Ata-Sees (August 2005)

Die Oberfläche des ehemaligen Seebodens trocknet klimabedingt schnell aus. Sichtbar bleibt eine geschlossene Salzkruste.

Der schnelle Brüter "BN-350" [ zurück zum Seitenanfang]
Von 1973 bis 1999 arbeitete südlich der Stadt Aktau der Reaktor "BN-350", ein schneller Brüter mit flüssigem Natrium als Kühlmittel, der zur Herstellung von Plutonium und zur Energieversorgung einer großen Meerwasserentsalzungsanlage diente.
Einige Jahre nach seiner Abschaltung wurden die Brennelemente entfernt und zur Zwischenlagerung nach Ostkasachstan transportiert. Fester radioaktiver Abfall wird zum Teil in einem Zwischenlager in der Nähe des Reaktor gelagert.
Das Kühlwasser des Reaktors wurde in den Karakol See (siehe Abbildung 1) geleitet, eine Lagune, die ins Kaspische Meer mündet.

Abbildung 3: Der schnelle Brüter "BN-350" im August 2005

Zur Zeit liegen nur wenig Erkenntnisse über die radiologischen Einflüsse des Reaktorbetriebes auf die Menschen in der benachbarten Stadt Aktau und die Umwelt vor.

Die Stadt Aktau (Aqtau)
Aktau liegt in der Provinz Mangystau im westlichen Kasachstan. Die Stadt entstand wegen ihrer Bedeutung für die Nuklearindustrie als "geschlossene Stadt" Ende der 50er Jahre unter dem Namen "Shevchenko" als der Uranerzbergbau und die Erzaufbereitung in der Region begannen.
Heute ist insbesondere der nördliche Teil der Stadt, der an den Koskar-Ata See grenzt, durch Staubeintrag von ausgetrockneten Seeflächen gefährdet.
Die Einwohnerzahl von Aktau beträgt ca. 150.000. Nach der Einstellung des Uranabbaus und der -aufbereitung sowie der Abschaltung des Reaktors "BN-350" ist mittlerweile die Erdölindustrie das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt und der Region.

Das Projekt [ zurück zum Seitenanfang]
Das  National Nuclear Center der Republik Kasachstan hält Untersuchungen und Messungen zur Strahlenbelastung der Bevölkerung in Aktau für unbedingt erforderlich. Es fehlen aber systematischen Erkenntnisse über die Strahlenbelastung der Bevölkerung von Aktau durch den Koshkar-Ata See und den Reaktor BN-350.

Abbildung 4: Dr. Herbert Dederichs (FZJ), Alia Nurmukhanbetova (INP) und Dr. Peter Ostapczuk (FZJ) bei Messungen von Radonausgasungen auf dem Koshkar-Ata-See während der Messkampagne 2006

In Zusammenarbeit mit dem Institute for Nuclear Physics (INP) des National Nuclear Centers wurden folgende Projektschwerpunkte definiert:

  • Umweltmedien (Boden, Staub, Salzkruste ...)
  • externe Strahlenexposition
  • interne Strahlenexposition
Projektunterstützung [ zurück zum Seitenanfang]
Das Projekt wird durch die "Dr. Erich-Schmitt-Stiftung" im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unterstützt (bis 2011).

Weitere Informationen und Ansprechpartner [ zurück zum Seitenanfang]
Weitere Informationen:


letzte Änderung 22.02.2007 | | Ausdrucken