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Die Broschüre des
John von Neumann-Instituts für Computing gibt es auf deutsch und
auf englisch. Sie kann bestellt werden
beim NIC-Sekretariat (nic@fz-juelich.de).
Vielteilchenphysik
| Begleittext "Vielteilchenphysik" | Peter Grassberger, NIC-FG Vielteilchenphysik |
| Fließverhalten von granularer Materie |
Tim Scheffler, Dietrich Wolf, Fachbereich Physik, Universität Duisburg |
| Thermische Ausdehnung von beta-Eukryptit |
Alexander I. Lichtenstein, Robert. O. Jones, Institut für Festkörperfoschung, Forschungszentrum Jülich |
| Lokalisierter Schwingungszustand in einem glasartigen System |
Uwe Müssel, Heiko Rieger, NIC-FG Vielteilchenphysik |
| Computersimulation von Glasschmelzen |
Jürgen Horbach, Walter Kob und Kurt Binder, Institut für Physik, Universität Mainz |
| Grenzflächen in Kunststoffen |
Andreas Werner, Friederike Schmid, Marcus Müller und Kurt Binder, Institut für Physik, Universität Mainz |
| Phasenuntersuchungen an Lipiden |
Christoph Stadler, Harald Lange und Friederike Schmid, Institut für Physik, Universität Mainz |
Traditionell beschäftigt sich die Vielteilchenphysik mit der Frage, wie sich
Aufbau und Dynamik kondensierter Materie aus ihren atomaren Eigenschaften
erklären lassen. Neben diesen rein mikroskopischen Problemen sind in den
letzten Jahren zunehmend "mesoskopische" hinzugekommen, bei denen das
Zusammenspiel vieler kleiner, aber nicht atomarer Teilchen untersucht wird.
Beispiele sind das Fließen von Sand, die innere Dynamik eines Sternhaufens,
oder die Staubildung auf Autobahnen. Auf mikroskopischer Skala werden mehr
und mehr komplexe Systeme untersucht. Dazu zählen einerseits kristalline
Substanzen mit sehr großen Einheitszellen, wie etwa Hochtemperatur-Supraleiter
oder neuartige Keramiken. Andererseits gehören hierher nichtkristalline
Substanzen wie etwa Gläser, "weiche" (organische) Materie und Schäume. Die
Grenze zur Polymerforschung ist hier fließend.
Eine zunehmend wichtige Rolle spielt das Verhalten von Oberflächen und
Grenzflächen. Ein Beispiel sind biologische Membranen, ein anderes das
Gleiten rauher Oberflächen aneinander, mit oder ohne Schmiermittel. Selbst
die Struktur rauher Oberflächen, wie sie etwa durch Brüche entstehen, ist
noch längst nicht vollständig verstanden.
Ein letzter großer Problemkreis ist die spontane Bildung von Strukturen.
Dazu gehören die schon erwähnten Staus ebenso wie die Bildung von Sanddünen
oder die Entstehung von Oszillationen in chemischen Reaktionen.
Generell läßt sich sagen, daß die Vielteilchenphysik sich mit einer Vielzahl
sehr unterschiedlicher Probleme befaßt. Dazu zählen sowohl solche von
unmittelbarem technologischen Interesse, als auch solche eher theoretischer Natur.
Entsprechend breit gestreut sind auch die angewandten Methoden. Abgesehen
davon, daß die meisten Rechnungen in der Simulation von zufälligen Stichproben
(Monte-Carlo- oder Molekulardynamik-Simulationen) bestehen, wird eine
Vielzahl verschiedener Algorithmen benutzt.
Es ist sowohl verbesserten mathematischen Verfahren als auch schnelleren
Computern zu verdanken, daß typische Simulationen heute mit Millionen von
Teilchen arbeiten, um die Phänomene so realistisch wie möglich zu beschreiben.
Bei sehr komplexen Problemen sind allerdings die Grenzen immer noch viel
enger gezogen, und oft ist es kaum möglich, auch nur Systeme mit wenigen
hundert Teilchen ins thermische Gleichgewicht zu bringen.
Außerdem hängt es jeweils vom spezifischen Problem ab, ob die Rechnung
quantenmechanisch sein muß, oder ob eine klassische Näherung ausreicht.
Während in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg die quantenmechanischen
Probleme eindeutig im Vordergrund standen, ist in den letzten Jahrzehnten
eine Renaissance klassisch zu behandelnder Probleme zu beobachten, so daß
beide jetzt etwa gleich wichtig sind. Sicherlich hängt dies auch damit
zusammen, daß alltägliche Phänomene, so paradox dies auch scheinen mag,
sich oft nur mit enormem Aufwand realistisch modellieren lassen.
(Peter Grassberger, NIC-FG Vielteilchenphysik) 
Körniges Material ("Granulare Materie") wie Getreide, Kunststoffgranulate, Tabletten,
Sand usw. fließt ganz anders durch ein Rohr als eine gewöhnliche Flüssigkeit.
Während die Strömungsgeschwindigkeit von Wasser 16-mal größer wird, wenn man das
Rohr nur 4-mal so breit macht, fällt der Sand nur 8-mal schneller. Bei jedem
Zusammenstoß zweier Körnchen wird ein Teil der Energie dafür aufgebraucht, die
Teilchen wärmer zu machen. Dadurch wird ihr Geschwindigkeitsunterschied kleiner.
Stößt ein Körnchen hingegen mit der Rohrwand zusammen, wird seine Geschwindigkeit
stark geändert. Anhand der Konkurrenz dieser Elementarprozesse kann man das
granulare Fließverhalten erklären. Der Energieverlust bei Kollisionen führt
zur Bildung von Verdichtungszonen. Bei geringer Rohrfüllung können sie den
Durchsatz verbessern, bei starker Füllung führen sie zu Verstopfungen, ganz
analog zu Autobahnstaus. In der Graphik sind schnelle Teilchen rot gefärbt,
langsame hingegen blau.
(Tim Scheffler, Dietrich Wolf, Fachbereich Physik, Universität Duisburg)

Der Hauptbestandteil der CERAN-Kochplatten der Fa. Schott ist die
Alumino-Lithio-Silikat-Glaskeramik beta-Eukryptit. Es hat über einen
Temperaturbereich von ca. 1000 Grad einen sehr geringen thermischen
Ausdehnungskoeffizienten. Für die kristalline Form des beta-Eukryptits
(s. Bild, Sauerstoffatome sind grün, Lithiumatome braun, Siliziumatome blau
und Aluminiumatome rot) ergibt eine Dichtefunktionalrechnung ohne anpaßbare
Parameter, daß die thermischen Ausdehnungskoeffizienten parallel und
senkrecht zu den Lithiumketten über einen großen Temperaturbereich fast
konstant sind. Parallel zu den Ketten ist der Ausdehnungskoeffizient negativ
und doppelt so groß wie der positive Koeffizient senkrecht dazu. In einer
polykristallinen Form ist dann eine konstante, sehr kleine Ausdehnung zu
erwarten. Dies entspricht den Messungen. Da auch die atomaren Bewegungen genau
verfolgt werden können, ist es möglich, den Grund für dieses
Verhalten zu verstehen.
(Alexander I. Lichtenstein, Robert. O. Jones,
Institut für Festkörperfoschung, Forschungszentrum Jülich)

Gläser unterscheiden sich in ihren Eigenschaften stark von gewöhnlichen Festkörpern.
Ihre Atome sind nicht regulär auf einem Gitter angeordnet, wie es bei Festkörpern
der Fall ist, sondern sie sind relativ zufällig im Raum verteilt. Hierdurch ändern
sich auch die Schwingungseigenschaften. Auf Gittern treten nur solche
Schwingungszustände auf, die über den ganzen Festkörper ausgedehnt sind. In
Gläsern hingegen gibt es auch solche Schwingungen, die auf einen Teilbereich
des Körpers beschränkt sind, sogenannte lokalisierte Moden. Eine solche Mode
ist in der Abbildung dargestellt. Dabei sind die Schwingungsamplituden der
einzelnen Atome durch ihre Farbe kodiert: Rote Atome schwingen mit einer
großen Amplitude, blaue mit einer kleinen. Die in blassen Farben dargestellten
Atome sind nicht an der Schwingung beteiligt.
(Uwe Müssel, Heiko Rieger, NIC-FG Vielteilchenphysik)
Die Abbildung zeigt den Konfigurationsschnappschuß einer unterkühlten Quarzglasschmelze
(SiO2). Quarzglas ist z.B. der Hauptbestandteil von Materialien wie
Fensterglas oder
Keramikkochherdplatten. Wesentliche Materialeigenschaften von Glas, wie z.B. die
Dichte oder das Fließverhalten, werden durch die mikroskopische Struktur des
Materials bestimmt. Computersimulationen helfen die mikroskopische Struktur besser
zu verstehen, da sie einen detaillierten Einblick in die Struktur erlauben.
Dargestellt ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Simulationsbox. Die grünen
Tetraeder stellen diejenigen Siliziumatome dar, welche vierfach, d.h. ideal,
mit den Sauerstoffatomen (kleine Kugeln) gebunden sind. Fehlkoordinierte
Siliziumatome sind hellblau (fünffach gebunden) und gelb (dreifach gebunden)
dargestellt. Die ideal (zweifach) gebundenen Sauerstoffatome sind weiß
dargestellt, während die fehlgebundenen blau (einfach) und rot (dreifach) sind. (T=3580K)
(Jürgen Horbach, Walter Kob und Kurt Binder, Institut für Physik, Universität Mainz)

Oberflächen und Grenzflächen zwischen unmischbaren Flüssigkeiten haben eine
Oberflächenspannung bzw. Grenzflächenspannung. Man könnte daher denken, daß
die Grenzflächen besonders wenig Fläche aufspannen, und daher flach sein
sollten. Innerhalb aller möglichen Zustände von Grenzflächen ist jedoch die
"flache" Grenzfläche so unwahrscheinlich (in der Sprache der Thermodynamik:
ihre Entropie ist so klein), daß sie praktisch nicht auftritt. Im allgemeinen
sind Grenzflächen daher immer gewellt, und zwar mit Wellen jeder Wellenlänge.
Dies ist ein sehr allgemeines Phänomen. Das Bild zeigt einen Schnappschuß
einer Grenzfläche zwischen zwei unmischbaren makromolekularen Substanzen
(Polymeren), also ein Beispiel für eine Grenzfläche in Kunststoffen. Man
erkennt deutlich die Rauhigkeit auf allen Längenskalen. Die Welligkeit der
Grenzfläche beeinflußt natürlich auch die Materialeigenschaften des Kunststoffes.
(Andreas Werner, Friederike Schmid, Marcus Müller und Kurt Binder, Institut für Physik, Universität Mainz)
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Fettmoleküle (Lipide) bestehen aus einem Kopf, der sich gerne mit Wasser umgibt,
und mehreren langen Schwänzen, die Wasser abstoßen. Deshalb breiten sie sich auf
einer Wasseroberfläche als Monoschicht aus: Die Schwänze verhindern, daß sich die
Moleküle im Wasser lösen, und der Kopf dringt in das Wasser ein und verhindert,
daß sich Tröpfchen bilden (wie etwa bei Öl). Im Wasser selbst lagern sich
Monoschichten zu Doppelschichten zusammen, so daß die Schwänze nach innen
zeigen können und nur die Köpfe in Kontakt mit dem Wasser kommen. Solche
Doppelschichten sind einer der wichtigsten Bestandteile von Zellmembranen.
Lipidschichten nehmen je nach Temperatur verschiedene Zustände ein, zwischen
denen Phasenübergänge stattfinden. Beispielsweise gibt es stark geordnete und
ungeordnete Phasen. Die Bilder zeigen ein idealisiertes Modell einer
Lipid-Monoschicht, in dem die Lipide durch einfache Ketten von Kugeln
repräsentiert werden. Die gelben Kugeln stellen Köpfe dar, und die roten
Kugeln gehören zum Schwanz. In der linken Abbildung liegt die Schicht in
einer ungeordneten Phase vor, in der rechten in einer geordneten Phase.
(Christoph Stadler, Harald Lange und Friederike Schmid, Institut für Physik,
Universität Mainz)

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